Geostrategisch gesprochen hatten gerade die Europäer nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion eine einzigartige Gelegenheit: Russland "mit ins Boot" zu holen. Das größte Land der Welt hätte Teil der NATO werden können - einer reformierten NATO, in der auch die osteuropäischen und gegebenenfalls die zentralasiatischen Länder aufgenommen werden hätten können. Ein großer Sicherheitsblock von der nordamerikanischen Pazifikküste bis zur russischen Pazifikküste, der mehr Stabilität mit sich gebracht hätte. Auch die Verbindung der Europäischen Union (EU) mit der Eurasischen Wirtschaftsgemeinschaft (EAEU) stand immer wieder zur Diskussion. Die heutigen Krisen in Bezug auf die Ukraine oder Georgien wären dann niemals eskaliert.
Doch jeder Versuch Moskaus, im Westen einen Anschluss zu finden, wurde ständig sabotiert. Und das, obwohl eine umfassende Kooperation im Interesse aller Menschen - von Nordamerika über Europa und Zentralasien bis in den Fernen Osten Russlands wäre. Was im Interesse der Menschen ist, liegt jedoch nicht zwangsläufig auch im Interesse diverser Interessengruppen und Politiker. Das mussten die Menschen in Russland auch schmerzhaft erfahren.
Als Gegenreaktion haben diese Ausgrenzungen Russlands dazu geführt, dass sich Moskau stärker mit Peking engagiert und das Konzept der multipolaren Weltordnung ausgearbeitet hat. Ein Konzept, das durch die ganzen unilateralen Aktionen des US-geführten Westens in immer mehr Teilen der Welt Anklang findet - nicht nur bei den "Gegnern" der USA, sondern auch bei vielen Ländern, die sich wegen der erpresserischen US-Außenpolitik in ihrer politischen und wirtschaftlichen Handlungsfreiheit massivst eingeschränkt sehen.
Gerade die Vereinigten Staaten haben sich mit ihrer "Kalter Krieg"-Mentalität gegen Russland eine Weltordnung geschaffen, in der sie gegen ihren größten Herausforderer - die Volksrepublik China - einen potentiellen Verbündeten vergrämt haben: Russland. Denn auch wenn die Beziehungen zwischen Wladimir Putin und Xi Jinping recht gut sind, sind die beiden Großmächte keine natürlichen Verbündeten. Immerhin hat das Reich der Mitte auch eigene Gebietsansprüche im ressourcenreichen Sibirien. Dadurch, dass die Amerikaner und ihre europäischen Verbündeten Moskau jedoch immer enger an Peking binden, verspielen sie all ihre Chancen, die Chinesen in ihr globales System einzubinden. Dies wiederum erhöht die Chancen Moskaus, das multilaterale System der multipolaren Weltordnung zu realisieren. Wenngleich die aktuelle Sonderoperation in der Ukraine unter Umständen einen Rückschlag in diesen Bemühungen mit sich bringt.
Das Versagen des Westens auf Russland zuzugehen hat eben entsprechende globale Konsequenzen. Die größten Nachteile in dieser aktuellen Konstellation haben wir Europäer, die zwischen diesen Großmächten quasi zerrieben werden, weil unsere Politik und das ganze Establishment von Transatlantikern durchsetzt ist. Diese Transatlantiker kümmern sich mehr um die Interessen der Amerikaner als um ihre eigenen Interessen. Aber gerade das ist das Hauptproblem für uns in Europa. Es geht nicht darum, dass wir uns die Amerikaner zum Feind und die Russen und die Chinesen zu Freunden machen - also eine totale Politikumkehr. Vielmehr geht es darum, eine geopolitische Balance zu finden. Und sicherheitspolitisch geht das nur mit und nicht gegen Russland.



