In den letzten Monaten, seit dem Start der russischen Militäroperation in der Ukraine, fragen sich viele geopolitische Beobachter, ob nicht vielleicht die Volksrepublik China die Gunst der Stunde nutzen und eine Invasion in Taiwan starten könnte. Angesichts der aktuellen globalen Lage und Umstände ist ein solcher Schritt jedoch eher unwahrscheinlich. Die kommunistische Führung in Peking hat derzeit ganz andere Sorgen und trotz der Ausweitung der Rechtsgrundlage für Auslandseinsätze der Volksbefreiungsarmee (PLA) dürfe es bei symbolischen Aktionen (wie Flugmanöver der Luftwaffe nahe der Insel) und verbalen Protestnoten bei Besuchen Offizieller in Teipeh bleiben.
Angesichts dessen, dass Peking mit wirtschaftlichen, finanziellen und vielleicht sogar militärischen Gegenmaßnahmen rechnen müsste und mit Japan und Südkorea gleich zwei wichtige Verbündete der Vereinigten Staaten (mit zehntausenden US-Truppen und Unmengen an US-Kriegsgerät) direkt vor der Haustüre hat, wäre eine solche Invasion zum jetzigen Zeitpunkt keine brauchbare Option für die chinesischen Strategen. Anders sähe es nur aus, wenn beispielsweise der Koreakrieg neu entfacht werden würde, da dies die USA und Japan direkt beträfe und militärisch eingebunden würden. Zudem sorgen die aktuellen Russland-Sanktionen auch für eine Schwächung der Vereinigten Staaten und deren Verbündeten, so dass Peking durchaus auf Zeit spielen kann, was Taiwan anbelangt.
Unter Berücksichtigung dessen, dass Zbigniew Brzezinski in seinem Buch "Das große Schachbrett" ausführlich darlegte, wie wichtig der eurasische Kontinent für die geopolitische Strategie der Vereinigten Staaten zur Aufrechterhaltung der globalen Hegemonie ist, wird auch klar, dass man sich zuerst eher der Peripherie und den "Schwachstellen" von Staatenkoalitionen widmet, bevor der tödliche Schlag gegen den (dadurch geschwächten und hoffentlich destabilisierten) Hauptgegner vollzogen wird. Doch welches Land in dem noch nicht gefestigten "anti-imperialen" eurasischen System ist derzeit eine wirkliche Schwachstelle? Russland, welches mit China verbündet ist, ist mit der Ukraine beschäftigt und könnte bald schon gezwungen werden, auch in Bezug auf Georgien und die beiden abtrünnigen Republiken Süd-Ossetien und Abchasien zu reagieren. Doch schon der eskalierte Ukraine-Konflikt hat gezeigt, dass Moskau und Peking weiterhin eng zusammenarbeiten und sich nicht von Washington, London und Brüssel auseinanderdividieren lassen.
Was bleibt also noch übrig? Die logische Schlussfolgerung ist der Iran. In Washington weiß man, dass die Mullahs und die Revolutionsgarden eigentlich nur noch aufgrund ihrer harten Hand an der Macht bleiben. Das Unruhepotential ist groß und so lange die wirtschaftlichen Probleme (Mangelversorgung mit wichtigen Gütern, explodierende Inflation, hohe Arbeitslosigkeit...) anhalten, wird sich die innenpolitische Stabilität weiter verschlechtern. Die islamistische Führung in Teheran hat hier nur mehr zwei Optionen: das Ganze aussitzen und versuchen, zumindest bei der Versorgung mit Grundnahrungsmitteln etwas zu tun - oder aber das Land in einem Krieg (gegen Israel?) hinter sich zu vereinen. Wahrscheinlicher ist das Erstere, so dass unter Umständen die Israelis (mit Hilfe des Mossads und der CIA) für einen Kriegsgrund sorgen und die regionalen Verbündeten rund um Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und vielleicht auch die Türkei in einen neuen Golfkrieg stürzen lassen.
Denn der Iran ist - wenngleich auch nicht formell - ein wichtiger Eckpunkt im Dreieck Russland-China-Iran. Jene drei Regional- bzw. Großmächte, die den hegemonialen Interessen Washingtons den meisten Widerstand entgegensetzen. Zudem ist der Iran auch für China (bzw. für dessen Belt and Road Initiative, auch "Neue Seidenstraße" genannt) ein wichtiger Baustein in dessen Plänen, die komplette Region enger zu vernetzen. Sollten die Ölpreise infolge eines solchen Krieges zu sehr ansteigen, könnte Washington nämlich Notstandsgesetze einführen und die Ölindustrie des Landes zeitweise unter staatliche Verwaltung stellen. Die Basis-Versorgung mit dem "schwarzen Gold" zu günstigen Preisen wäre aus eigener Produktion durchaus möglich, was die negativen wirtschaftlichen und finanziellen Effekte im eigenen Land zumindest etwas abfedern würde. Die Europäer haben (mangels eigener Ölförderung) diese Option allerdings nicht und müssten bluten.
Allerdings bleibt hier die Frage, wie die Menschen in Europa auf diese Entwicklungen reagieren würden. Welche (bislang "tributpflichtige") Staaten würden auf Druck der Bevölkerung aus EU und NATO austreten und im Gegenzug für günstiges Öl und Gas aus Russland ihre Regierungen politisch "entsorgen"? Dies ist ein Risiko, welches die US-Strategen mit einkalkulieren müssen, wenn sie ihre Züge auf dem "großen Schachbrett" machen. Welche dieser "Bauern" kann man opfern, um das eigene Ziel (nämlich die Verhinderung einer unabhängigen eurasischen Weltmacht mit ihrerseits "tributpflichtigen" Ländern) zu erreichen?
Es ist klar, dass das langfristige Hauptziel der Strategen in Washington die Volksrepublik China ist, welche die größten Chancen auf einen geopolitischen Herausforderer-Status hat. Doch ein Frontalangriff auf diese kontinentale Festung ist bereits jetzt schon zum scheitern verurteilt, so dass man andere Taktiken anwendet. Russland ist schon in Konflikte an der Peripherie gebunden. Fällt auch noch der Iran an der südlichen eurasischen Flanke aus, wird es selbst für Peking kritisch. Das auf Importe angewiesene Reich der Mitte würde ins Wanken geraten und die chinesischen Massen könnten sich gegen die Führung erheben, wenn die Versorgung zusammenbricht. Das quasi unter Dauerlockdown leidende Shanghai, aus dem immer wieder Berichte durchsickern, wie sich die Menschen aus Hunger und Verzweiflung gegen die massiven Restriktionen zu wehren versuchen, zeigt, dass auch dem einfachen Chinesen so manches einfach zu weit geht und die Treue zu Partei und Führung ihre Grenzen hat.
Wie geht es wohl weiter? Werden wir in den kommenden Monaten auch eine Eskalation am Persischen Golf sehen? Geostrategisch unter Berücksichtigung des "großen Schachbretts" wäre dies eine logische Konsequenz.



