Der Westen versteht sich gern als Leuchtturm der Zivilisation – als moralischer Kompass, der die „freien Völker“ gegen die Dunkelheit des Autoritarismus verteidigt. Dieses Selbstbild ist die letzte große Religion des 21. Jahrhunderts, und sie braucht ihre Ketzer. Denn ohne Gegner, ohne Feind, ohne den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse, bräche das moralische Fundament der westlichen Politik zusammen wie ein Kartenhaus. Das Problem: Diese Feinde müssen heute mühsam konstruiert werden, weil die Realität längst nicht mehr mit der Selbstwahrnehmung übereinstimmt.
Es ist kein Zufall, dass der Kalte Krieg nie endete – er wurde nur umetikettiert. Aus dem Kommunisten wurde der Terrorist, aus dem Terroristen der Populist, und aus dem Populisten schließlich der Russe oder Chinese. Das Drehbuch bleibt gleich: Der Westen braucht das Böse, um sich selbst als das Gute inszenieren zu können. Man ruft die „regelbasierte Ordnung“ aus, während man selbst die Regeln schreibt und sie für sich selbst nach Belieben auslegt. Man predigt Freiheit, während man die Zensur institutionalisiert. Man verteidigt die Demokratie, indem man die (rechte, konservative) Opposition diskreditiert. Ein Zyniker würde sagen: Die NATO ist die Kirche, Washington der Vatikan und Brüssel der Missionsorden – alle gemeinsam unterwegs im Kreuzzug gegen das Böse.
In Wahrheit ist die „wertebasierte Außenpolitik“ nichts anderes als ein moralischer Tarnmantel für eine hegemoniale Machtpolitik. Wenn die USA den Irak zerbomben, nennt man das „Friedensmission“. Wenn Russland zum Schutz der russischen Minderheit im Donbass Truppen entsendet, ist es eine „Aggression“. Wenn Deutschland Waffen in Krisengebiete liefert, ist das „Solidarität“. Doppelmoral ist zur Währung westlicher Tugend geworden – sie finanziert das eigene Gewissen. So kann man von Menschenrechten reden, während man Kinderarbeit in Kobaltminen duldet, weil die Batterien für die „grüne Zukunft“ schließlich irgendwo herkommen müssen.
Die Feindproduktion ist längst institutionalisiert. Milliarden fließen in Think Tanks, Propagandastiftungen und NGO-Netzwerke, die nichts anderes tun, als den moralischen Ausnahmezustand am Leben zu halten. Die Bevölkerung wird mit Schlagworten wie „Desinformation“ und „hybrider Krieg“ auf Linie gebracht, als lebte man im Dauerbelagerungszustand. Wer Zweifel äußert, steht automatisch „auf der falschen Seite“. Der moderne Westen definiert sich nicht mehr durch tatsächliche Werte, sondern durch Feindbilder – das ist einfacher, weil man dabei nichts hinterfragen muss.
So erklären sich auch die grotesken Widersprüche der Gegenwart: Man predigt den Klimaschutz, führt aber Rohstoffkriege; man ruft nach Frieden, während man Waffen verschickt; man spricht von Freiheit, während man unliebsame Meinungen zensiert und bestraft. Der moralische Hochmut funktioniert nur, solange er durch äußere Bedrohung geerdet wird. Deshalb wird jede Entspannung, jeder Dialogversuch, jede multipolare Weltordnung reflexartig als Gefahr wahrgenommen. Frieden wäre für den Westen kein Triumph, sondern ein Problem – denn wer wäre man dann ohne Feind?
Am Ende bleibt ein System zurück, das sich selbst nicht mehr erklären kann, außer durch Abgrenzung. Der Westen braucht Feinde, um seine Überlegenheit zu bestätigen, seine Fehler zu kaschieren und seine Macht zu erhalten. Ohne sie wäre er gezwungen, auf sich selbst zu schauen – auf politische Korruption, moralische Heuchelei und eine Gesellschaft, die längst in Dekadenz versinkt. Aber Selbstkritik ist in dieser neuen Theologie der Wertegemeinschaft Häresie. Also bleibt man lieber auf Kreuzzug, notfalls gegen die eigene Vernunft.
Also: Change my view. Wo liegt mein Denkfehler? Braucht der Westen tatsächlich ständig neue Feindbilder, um sich moralisch rechtfertigen zu können? (Anmerkung der Redaktion: Dies ist der dritte Artikel einer unregelmäßig erscheinenden Artikelserie unserer Autoren. Wir laden Sie herzlichst dazu ein, in der Kommentarsektion Argumente pro und contra des jeweiligen Themas auszutauschen. Wir werden gerne auch Themen aufgreifen, die Sie uns in den Kommentaren vorschlagen können. Wir denken, dass eine funktionierende Demokratie gesunde Debatten zu kontroversen Themen benötigt, die (möglichst) frei von Denkverboten sind. Demokratie braucht nämlich nicht nur Meinungsfreiheit, sondern auch Meinungsvielfalt. Der von einem Linksextremen ermordete Charlie Kirk hat mit seinen "Change my view"-Aktionen einen wichtigen Beitrag dazu geleistet. In memoriam wollen wir auch im deutschsprachigen Raum dazu beitragen, dass dessen Werk nicht in Vergessenheit gerät.)


