Es soll ja Menschen geben, die glauben, man könne die physikalische Realität dadurch abschaffen, dass man sie einfach laut genug ignoriert. Wer durch das Berliner Regierungsviertel flaniert, spürt diesen Hauch von realitätsferner Heiterkeit fast körperlich, während im fernen Magdeburg gerade die politischen Fundamente erbebt sind. Da wird in den feinen Foyers der Macht debattiert, analysiert und vor allem eins: verdrängt. Wie ein paar ungezogene Kinder, die das teure Porzellan zerschlagen haben und nun hoffen, dass die Scherben von alleine verschwinden, stehen die Granden der sogenannten Volksparteien vor den Trümmern ihrer einst so stolzen Hegemonie. Doch das vorläufige Wahlergebnis aus Sachsen-Anhalt lässt sich eben nicht einfach wegatmen oder in den Untiefen irgendwelcher Arbeitskreise entsorgen.
Man muss sich diesen Zustand einmal auf der Zunge zergehen lassen. Da stimmen Bürger ab, völlig frei, gesetzestreu und mit dem Stimmzettel in der Hand, und heraus kommt ein Resultat, das den feinen Herren und Damen in der Hauptstadt den morgendlichen Bio-Kaffee im Hals stecken lässt. Die AfD holt mit weitem Abstand den Sieg, während die traditionsreiche Kanzlerpartei und ihre sozialdemokratischen Kooperationspartner in die tiefen Niederungen der Bedeutungslosigkeit abstürzen. Doch anstatt auch nur für eine Sekunde innezuhalten und die eigene, jahrelang betriebene Politik des wirtschaftlichen Niedergangs und der gesellschaftlichen Bevormundung zu hinterfragen, greift man im Berliner Politikzirkus zu bewährten Reflexen. Es wird von "Zerrissenheit" gefaselt, von "institutionellem Vertrauen", das man nun dringend einfordern müsse, und natürlich darf der inflationäre Ruf nach der heiligen Brandmauer nicht fehlen, die das wankende System vor den demokratischen Zumutungen des Wählers schützen soll.
Besonders amüsant – oder besser gesagt von einer atemberaubenden, kafkaesken Komik – ist dabei die Rolle jener medialen Dauerbegleiter, die sich selbst als vierte Gewalt im Staate feiern, in Wahrheit aber längst als Außenministerium des Kanzleramtes agieren. Die sogenannte Qualitätspresse versucht in einem beispiellosen publizistischen Kraftakt, dieses historische Wahlerbeben krampfhaft als Betriebsunfall oder als Produkt dunkler Machenschaften umzudeuten. Da wird in seitenlangen Leitartikeln erklärt, der Wähler sei im Grunde nur verwirrt, brauche dringend mehr pädagogische Betreuung und vor allem eine gehörige Portion Umerziehung. Es ist diese elitäre Anmaßung, die den Bürgern draußen im Lande seit Jahren suggeriert, sie seien schlicht zu dumm, ihre eigenen Interessen zu erkennen. Wenn die Realität nicht ins eigene Weltbild passt, wird eben so lange an den Fakten gedreht, bis die Wohlfühloase im öffentlich-rechtlichen Sendesaal wieder intakt ist.
Man reibt sich ungläubig die Augen, wenn man den Reaktionen der Spitzenpolitiker lauscht. Da wird von "historischen Niederlagen" gesprochen – ein verbales Eingeständnis, das freilich keinerlei Konsequenzen nach sich zieht, außer vielleicht der Verteilung neuer Versorgungsposten auf Kosten des Steuerzahlers. Wie analytische Einblicke in die Parteistrukturen zeigen, herrscht in Berlin blankes Entsetzen darüber, dass politische Mehrheiten jenseits des bisherigen Kartells plötzlich greifbar werden. Statt sich den neuen Mehrheitsverhältnissen zu stellen, klammert man sich krampfhaft an alte Tabus. Man paktiert lieber mit dem eigenen politischen Untergang, als auch nur einen Millimeter von der Dogmatik abzuweichen, die das Land überhaupt erst in diese tiefe Krise manövriert hat.
Wer nun glaubt, die Einsicht würde durch dieses dezidierte Votum einkehren, unterschätzt die institutionelle Arroganz der etablierten Machtapparate. Dort glaubt man ernsthaft, man könne das Rad der Geschichte einfach zurückdrehen, wenn man nur laut genug ruft. Dass zwei Drittel der Wähler im Osten längst eine Politik jenseits des linken Mainstreams einfordern, wird als Störfeuer abgetan. Doch der Lack ist ab, und die heiligen Brandmauern bröckeln unter dem Ansturm der Realität wie morsches Fachwerk im Herbststurm. Die Quittung für jahrelange Ignoranz und Wohlstandsvernichtung ist da, und sie lässt sich weder wegreden noch wegzensieren.
Wie bewerten Sie diesen beispiellosen Kursverfall der etablierten Parteien und den Umgang der Berliner Politik mit dem klaren Wählerwillen? Steht uns hier ein dramatischer Epochenbruch bevor, oder retten sich die Altparteien am Ende doch wieder durch Taschenspielertricks in die nächste Legislaturperiode? Schreiben Sie uns Ihre ungeschminkte Sicht der Dinge in die Kommentare.

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