Reparationszahlungen, ganz im Stile jener, die Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg aufgedrückt wurden, schweben offensichtlich den ukrainischen Spitzenpolitikern vor. Und vor allem Russland, bzw. russische Oligarchen, sollen dafür neben der "internationalen Gemeinschaft" dafür aufkommen. So appellierte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj an die internationale Gemeinschaft nicht nur, sein Land bei der Abwehr der russischen Invasion zu unterstützen - er erklärte auf der Ukraine Recovery Conference in der Schweiz zudem, dass für den Wiederaufbau eine globale Anstrengung erforderlich sei.

"Der Wiederaufbau der Ukraine ist kein lokales Projekt, kein Projekt einer einzelnen Nation, sondern eine gemeinsame Aufgabe der gesamten demokratischen Welt - aller Länder, aller Länder, die von sich sagen können, dass sie zivilisiert sind", sagte Selenskyj in einer Videobotschaft. "Die Ukraine wiederherzustellen bedeutet, die Prinzipien des Lebens wiederherzustellen, den Raum des Lebens wiederherzustellen, alles wiederherzustellen, was Menschen zu Menschen macht."

Allerdings stellt sich angesichts der grassierenden Korruption und Misswirtschaft in der ehemaligen Sowjetrepublik die Frage, wie viel von diesem Geld tatsächlich den Verwendungszwecken entsprechend eingesetzt wird und wie viel davon in den Händen der kleptokratischen Oligarchen landet.

Der ukrainische Ministerpräsident Denys Shmyhal, der persönlich an der Konferenz in Lugano teilnahm, nannte die Zahl von 750 Milliarden Dollar und stellte einen Wiederaufbauplan für den unmittelbaren und langfristigen Bedarf vor. Shmyhal sagte auch, dass eine große Finanzierungsquelle "das beschlagnahmte Vermögen Russlands und russischer Oligarchen" sein sollte, das sich seiner Meinung nach derzeit auf 300 bis 500 Milliarden Dollar belaufen soll.

Doch so ein Schritt wäre in der neueren Zeit beispiellos und würde einen Präzedenzfall schaffen, wonach völkerrechtswidrig angegriffene Länder (zum Beispiel der Irak, Libyen oder der Jemen) ebenfalls eine Konfiszierung von Auslandsvermögenswerten der Angreiferländer verlangen könnten.