Es gab Zeiten, in denen Washington sich an die Seite Moskaus stellte und nationalistische Bestrebungen in der Ukraine ablehnte. Tatsächlich unterstützte die Bush-Regierung offen die Bemühungen von Michail Gorbatschow, die Sowjetunion zusammenzuhalten, anstatt eine Dezentralisierung der UdSSR in kleinere Staaten zuzulassen. Das US-Regime und seine Unterstützer in der Presse vertraten den Standpunkt, dass der Nationalismus - und nicht der sowjetische Despotismus - das eigentliche Problem für die Menschen in Osteuropa und im Kaukasus sei. Im Fall der Ukraine reiste Präsident George H. W. Bush 1990 sogar nach Kiew, um die Ukrainer über die Gefahren der Unabhängigkeit von Moskau zu belehren und gleichzeitig die angebliche nationalistische Bedrohung zu verurteilen.
Auch heute noch ist der Nationalismus ein beliebtes Schreckgespenst in den Sprachrohren des Washingtoner Establishments (und auch in Europa sieht es diesbezüglich nicht besser aus). Sie äußern sich routinemäßig über die Gefahren des französischen Nationalismus, des ungarischen Nationalismus und des russischen Nationalismus. Oft wird der Begriff Nationalismus in einer Weise verwendet, die ihn unangenehm machen soll, wie zum Beispiel "weißer Nationalismus". Wenn jedoch andere Ethnien (z.B. in Afrika, Lateinamerika oder Asien) nationalistische Phrasen benutzen, dann ist das zumeist "Antikolonialismus" und ein "Streben nach Freiheit". Wenn der Nationalismus der Nordatlantikvertrags-Organisation (NATO) und ihren europäischen Trittbrettfahrern nützt, wird uns hingegen gesagt, dass der Nationalismus eine Kraft des Guten ist. So tun das US-Regime und die Mainstream-Medien beiderseits des Atlantiks im Allgemeinen so, als gäbe es den ukrainischen Nationalismus - und sogar den ukrainischen weißen Nationalismus - entweder gar nicht oder er sei zu loben.
Im Jahr 1991 hatten die USA jedoch noch nicht beschlossen, dass es sich lohnt, den Nationalismus aktiv zu fördern - solange es sich um antirussischen Nationalismus handelt. So stellte sich das US-Regime damals auf die Seite Moskaus, um lokale nationalistische Bestrebungen zum Bruch mit dem alten Sowjetstaat zu unterdrücken oder zu entmutigen. Die Art und Weise, wie sich das abspielte, ist ein interessantes Beispiel für die Außenpolitik der USA vor dem Aufkommen der unipolaren liberalen amerikanischen Hegemonie.
In den späten 1980er Jahren zeichnete sich bereits ab, dass die Sowjetunion in vielen Teilen des riesigen Staatsgebildes, das die UdSSR darstellte, ihren Einfluss zu verlieren begann. Widerspenstige Nationalisten innerhalb der Sowjetunion begannen, die lokale Kontrolle zu übernehmen. So waren zum Beispiel 1989 ethnische Armenier und Aseris bereits in den Konflikt um Berg-Karabach verwickelt, der bis heute andauert. Es kam zu tödlichen ethnischen Ausschreitungen, aber Moskau zögerte in seinem geschwächten Zustand, etwas zu unternehmen. Doch im Januar 1990 handelte Moskau, was in Aserbaidschan heute als "Schwarzer Januar" bekannt ist. Sowjetische Panzer rollten in die Hafenstadt Baku am Kaspischen Meer und töteten bis zu 150 Aserbaidschaner - viele von ihnen Zivilisten. Selbst Zbigniew Brzezinki warnte damals vor "geopolitischer Anarchie" im Zuge der Auflösung der Sowjetunion und man fürchtete in Washington eine Situation wie im Jahr 1914 - dem Vorabend des ersten Weltkriegs. Als die sowjetischen Panzer auftauchten, um einen möglichen Staatsstreich niederzuschlagen, der einige sowjetische Untertanen von Moskaus Joch befreien könnte, war man in Washington eher erleichtert als bestürzt über Moskaus Aggression.
Doch seitdem hat sich sukzessive ein Wandel vollzogen. Insbesondere seit der Machtübernahme Wladimir Putins, der den als Alkoholiker und als US-Marionette geschmähten Boris Jelzin ablöste. Putins "Fehler" war es, Russland wieder zu einer Großmacht aufzubauen, die zudem noch Wert auf nationale Souveränität legt. Die weitestgehende Entmachtung der Oligarchen, die umfangreiche Renationalisierung der Ausbeutung der schier unermesslichen Rohstoffe des Landes und die Bekämpfung von US-Marionetten in der Politik haben zu einer Neuausrichtung der US-Außenpolitik in Osteuropa und im Kaukasus geführt. Anstatt Russland in die NATO aufzunehmen und so für einen gemeinsamen Sicherheitsraum in der nördlichen Hemisphäre zu sorgen, entstand eine neue Konfrontationspolitik und ein neuer Kalter Krieg.



